Die Bubos zu Besuch bei den Kamelen!

Ein Freund von mir, Erich Grossniklaus, besitzt drei Kamele. Schon lange wollte ich ihn mal mit meinen Bubos besuchen. Dieses Jahr war es nun soweit, der Termin war festgelegt, die Einladungen verschickt, leider wusste ich vorher nicht so recht, worauf ich mich da eingelassen hatte. Erich hatte mir vorgängig erklärt: „Wenn du mit den Kindern und den Kamelen einen Spaziergang machen willst, musst du vorher „Kamel führen“ üben kommen.“ Da er und seine Lebensgefährtin, Moni Gosteli, halt nur zu zweit sind und es drei Kamele hat. „Kein Problem, viel schwieriger als ein Pferd oder Pony führen kann das ja nicht sein und in den Ländern, in denen ein Kamel zum Haushalt gehört, können das ja schon die kleinen Kinder…“, dachte ich. So stand ich also eines Morgens früh in Gysenstein, alle drei Kamele lagen gemütlich im Gehege. „Sie sind etwas Morgenmuffel und wenn man sie zu früh aufjagt sind sie etwas schlecht gelaunt.“, erklärte mir Erich. Aha!

Erich stellte mir die drei Kamele vor, die zwei grossen wunderschönen, hellen Tiere heissen Gashal und Ghamal und der kleinste, braune ist Shimun. Shimun hatten sie erst vor einiger Zeit übernommen. Seine Aufzucht und Jugendzeit verlief nicht optimal. Nun muss ich sagen, dass Shimun nicht nur deutlich kleiner ist als die zwei anderen, auch hängen seine Höcker seitlich runter, sein Fell ist etwas struppig und von staubig brauner Farbe. Gashal und Ghamal glänzen dagegen richtig goldig und wirken enorm stolz. Um ehrlich zu sein, wirkt Shimun etwas mickrig. Als ich jedoch so direkt vor ihnen stand, bin ich eigentlich ganz froh, den kleinsten zum Führen zu bekommen. Sind es doch aus der Nähe betrachtet ziemlich grosse Tiere mit enormen Füssen… Als Tierärztin habe ich täglich mit verschieden Tieren zu tun. Mit den Jahren vergisst man, wie selbstverständlich man die Körpersprache der Tiere im Umgang mit ihnen einbezieht. Wenn man sie kennt ☹. Nun stand ich da. Shimun beäugte mich mit seinen wunderschönen Augen, aber wie? Freundlich? Neugierig? Argwöhnisch? Ängstlich? Ich hatte in meinem Leben vorher noch nie mit einem Kamel zu tun. Oder wissen Sie wie ein fröhliches Kamel aussieht? Also liess ich mir von Erich und Moni die verschiedenen Gesichter und die Körpersprache der Kamele beschreiben und erklären. „Die Lippen hängen runter, also scheint Shimun im Moment entspannt zu sein.“, so hoffte ich. Dann ging es los! Erich mit Gashal und Moni mit Ghamal, das Schlusslicht sollte ich bilden, so war der Plan. Na ja, Shimun hatte da andere Pläne. Schnell war er an vorderster Stelle, aber dort gefiel es ihm dann doch auch nicht, er wollte möglichst nahe bei Erich laufen, dort fühlte er sich am sichersten, was wiederum Gashal nicht so sehr gefiel. Plötzlich begann Shimun zu bocken. „Lass bloss nicht los, sonst versucht er es an dieser Stelle immer wieder, Kamele merken sich solche Sachen!“, warnte mich Erich. „Danke für die Info, ich mache was ich kann.“, dachte ich, während ich wie ein Hampelmann am Führseil hing. War ich froh, hatte ich das „mickrige“ Kamel, keine Ahnung wo ich mit Gashal gelandet wäre. Nach einer halben Stunde Spaziergang war ich nass geschwitzt und Shimun definitiv schlecht gelaunt. Da brauchte man kein Kamelkenner zu sein, um das zu sehen. „Ob ein Ausflug auf einen Ponyhof evtl. eine Alternative zur Kamelranch wäre?“, ging mir kurze Zeit durch den Kopf. Na ja, wenn man mit natürlicher Autorität nicht weiter kommt, kann man es ja mit Bestechen versuchen. Zum Glück hatte ich meine Taschen zuvor mit Pferdeguddelis vollgestopft. Wenn das Seil schön locker war, gab es immer eine Belohnung und plötzlich hatte ich ein sehr folgsames Kamel an der Leine. Nach meinem ersten Versuch war mir klar, da muss ich noch etwas mehr üben. Jedes Mal ging es etwas besser, aber ich war mir nie sicher, ob sich Shimun über meine Besuche (mit Ausnahme der Guddeli) gefreut hat.

Am 2. September 2012 war es dann soweit. Wir trafen bei Erich und Moni und ihren Kamelen ein. Zuerst erzählte uns Erich viel Wissenswertes über Herkunft und Haltung von Kamelen. Die beeindruckenden Zähne wurden bestaunt, die grossen, weichen Füsse betrachtet und Sinn und Zweck der Höcker diskutiert. Eigentlich glaubte kein Kind mehr daran, dass dort Wasser transportiert werde. Erich erzählte uns über den faszinierenden Wasserhaushalt dieser Tiere. Der Körper der Kamele geht viel sparsamer mit dem Wasser um als bei unseren Haustieren. Haben sie schon mal einem Kamel beim Urin lassen zugesehen? Wir sind uns Pferde und Kühe gewöhnt, wo ein wahrer Wasserfall kommt. Beim Kamel sieht es eher aus, als ob ein Chihuahua pinkelt. Bei heissem Wetter lassen sie den Urin über die Beine laufen, etwas eklig, aber wenn es verdunstet, kühlt es sehr schön. Die dicke und dichte Wolle dieser Tier ist faszinieren und es ging nicht lange und Gashal hatte dank unseren Mädchen bald überall hübsche kleine Zöpfchen. Die Wolle beschäftigte uns dann auch noch weiter. Rahel Gubler war mit Material zum Filzen und einem Heftchen, das jedes Kind zum Thema Kamel ausfüllen konnte, angereist. So konnte jedes Kind aus der Kamelwolle (oder auch gemischt mit farbiger Wolle) einen Anhänger, ein Bild oder ein Armband filzen und zwischendurch das neu Gelernte im Heft eintragen. Da wurde gemantscht, gerollt, gerieben… man brauchte schon etwas Ausdauer, damit das Filzwerk nicht gleich wieder auseinanderfiel. Während die einen nicht aufhören konnten die Wolle zu verarbeiten (oder unverarbeitet in den Rucksack zu packen, es hatte riesige Mengen davon), spielten andere mit Dana (der kleinen Terrierhündin von Delia Schweizer). Dana fand am Anfang die Wolle extrem gefährlich. Unbekannter Geruch in grossen Bergen ohne Kamel drin… Da Angriff angeblich eine gute Verteidigung ist, kann man ja einmal vorsichtig reinbeissen und daran ziehen. Dana hatte schnell begriffen, dass das ein lustiges Spiel werden könnte, vor allem wenn einige Kinder noch dabei helfen. Bald flogen überall Wollflocken rum, mittendrin eine selige Dana ☺.

Inzwischen war auch ein Feuer entfacht worden und Würste wurden gebraten. Auch den Spaziergang haben wir gemacht, Shimun hat nur ganz wenig gebockt ;-). Dann konnten alle noch eine Runde auf Shimun reiten. Im Gehege mit Erich war er ganz brav. Geduldig drehte er unermüdlich seine Runden, so dass jedes Kind auf ihm reiten konnte.

Fast hätte ich die heimliche Hauptattraktion des Tages vergessen: Die „Sanddüne“. Ein riesiger Haufen Sand mitten auf der Weide. Eigentlich gedacht für die Kamele, welche dort gerne wie auf einem Sofa liegen und anlehnen. Aber für unsere Bubos einfach ein grosser schöner Sandkasten, obwohl man denken könnte, die meisten seien aus dem Sandkastenalter raus. Begonnen haben die Jüngeren, aber es dauerte nicht lange und fast alle Kinder rutschten auf dem Hosenboden vom Haufen runter, buddelten grosse Löcher und warfen mit Sand. Als wir uns dann auf den Weg machen wollten, waren einige Kinder ca. 2 kg schwerer und bestimmt alle um einiges schmutziger. Also wurden Hosen- und Jackentaschen geleert, Schuhe umgedreht, Pullover ausgeklopft und Socken ausgeschüttelt. Manch eine Mutter wird sich am nächsten Tag gefragt haben, wo der ganze Sand im Bett ihres Kindes herkommt.

Pünktlich gelangten wir wieder an den Bahnhof. Vielen Dank Erich Grossnicklaus und Moni Gosteli für den schönen Tag auf eurem Hof, Danke an Rahel Gubler für ihre Bastelideen und auch vielen Dank an Sandra Beutler und Delia Schweizer für eure Mithilfe bei meiner fröhlichen Bubo-Truppe und zuletzt vielen Dank an Shimun für seine Geduld, seine schönen Augen, seine Schule in Kamelverhalten, Kamelführen, Kamelkraulen, Kamelschmusen….

Tatiana Lentze

Leiterin Jugendtierschutz

www.kamelranch.ch

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