Wilde Nachbarn: Wo sich die Tiere verstecken

Wilde Nachbarn: Wo sich Tiere verstecken

In der Stadt Bern leben nicht nur Menschen, sondern gegen 10’000 Tierarten. Die Wildtierbiologin Irene Weinberger weiss, wo sie sich versteckt halten und wo man sie mit etwas Geduld beobachten kann.

Wer sich in der Dämmerung mit etwas Zeit auf dem Bremgartenfriedhof aufhält, kann dort Füchse, Marder und Fledermäuse beobachten.

Ihren Hochzeitstanz tanzen die grossen Glühwürmchen jeweils am Johannistag auf dem Bremgartenfriedhof. Und dort tun sie es nicht irgendwo, sondern auf dem Grab von Mani Matter. Wenn das Weibchen begattet ist, verlöscht sein Licht, es legt die Eier und stirbt langsam. «Friedhöfe sind spannend», sagt die Wildtierbiologin Irene Weinberger und schiebt ein paar Pflanzen auf dem Grab zur Seite, um darunter zu schauen. Die Jahreszeit der Glühwürmchen ist aber schon vorbei. Die Larven schlüpfen erst im Frühling. Wer Tiere beobachten wolle, habe auf dem Friedhof gute Chancen. «In der Dämmerung kommen die Füchse und Marder aus ihren Unterschlüpfen», sagt sie. Man müsse bloss eine Weile auf einer Bank sitzen und warten. Nun scheint die Sonne aber noch zu hell. Auf einem Stück Wiese weiden ein paar Schafe, Schmetterlinge flattern herum und Vögel zwitschern ihr Abendlied. Die Friedhöfe böten den Tieren wichtige Rückzugsgebiete und seien entsprechend artenreich, erklärt Weinberger. Sie zeigt auf einen Haufen abgebrochener Äste im Unterholz unter ein paar grossen Bäumen. Hier lebt ein Fuchs. Oben in den Bäumen hausen Marder und Fledermäuse in Astlöchern.

Ein gefährlicher Lebensraum

In der Stadt Bern leben mehr wilde Tiere, als der Durchschnittsstädter ahnt. Bei der Fachstelle Natur der Stadt Bern schätzt man einige Tausend Arten. In der Tendenz allerdings werden es immer weniger, wie in der ganzen Schweiz, wo über 32’000 Tierarten bekannt sind.

Der Lebensraum Stadt sei für die meisten Tiere allerdings nicht ideal, sagt Weinberger, bevor sie auf ihr Velo steigt, um über die Länggasse und an der Reitschule vorbei zum Botanischen Garten zu radeln. Einige Tiere ernährten sich falsch. Die Spatzen fänden zwar mehr Futter, die Jungtiere seien aber trotzdem magerer als ihre Verwandten auf dem Land. Vermutlich fehle ihnen die insektenreiche Nahrung. Füchse und andere Abfallfresser litten zum Teil an Karies. Und viele kleine Tierarten müssten in engen und begrenzten Lebensräumen verweilen, ohne dass sie sich mit Artgenossen aus entfernten Lebensräumen vernetzen könnten. Denn sie brauchen grüne Verbindungsstücke, also Wiesen, Gärten, Bäume und Büsche, um in deren Schutz wandern zu können. Strassen sind tödliche Fallen.

Grössere Tiere wie etwa Igel haben zwar gelernt, auf den Verkehr zu achten. «Sie halten an und legen ihre Stacheln zurück», sagt Weinberger. Das sei ein Zeichen, dass die Igel lauschten. Doch sind die vielen Zäune und Mauern um die Gärten ein Problem für sie. «Ein Igel muss oft weite Strecken zurücklegen, bis er den Eingang in einen nächsten Garten findet.» Etliche gingen dabei zugrunde. Die Biologin würde sich mehr Lücken in den Zäunen und Mauern als eine Art Igel-Tore wünschen. Für andere Arten gibt es in der Stadt noch mehr Hindernisse und Barrieren. Etwa für die Glühwürmchen, die sich nur über Grünflächen bewegen und den Bremgartenfriedhof nicht verlassen können. «Wenn aber der Lebensraum zu klein wird, sterben die Tierpopulationen darin aus», erklärt Weinberger. Deshalb seien vernetzte Grünflächen so wichtig.

Grüne Strasse für Tiere

Die wichtigste Vernetzungsachse für Tiere in Bern ist daher die Aare. Wie eine grüne Strasse schlängelt sie sich durch die Stadt. Ihr Ufer ist über weite Strecken von Bäumen und Büschen gesäumt. Auch Waldabschnitte gibt es oder waldähnliche Siedlungen. Zum Beispiel das Rabbentalquartier hinter dem Botanischen Garten. «In diesen Gärten ist es feucht und dunkel», sagt Weinberger. Die Temperatur ist hier am heissen Sommerabend ein paar Grad kühler.

Hier leben Iltisse. Der Iltis ist ein marderartiges kleines Raubtier, das im Wald, Siedlungen und Landwirtschaftgebieten wohnt. Er ernährt sich vor allem von Fröschen. Im Botanischen Garten und den dahinter liegenden privaten Gärten finde der Iltis genügend Verstecke, und in den Teichen des Botanischen Gartens jage er die Frösche. Auch die nahe Aare möge der Iltis. Am heissen Sommerabend ist das Aareufer aber nur von Menschen in Badekleidern bevölkert, und Weinberger findet einzig von Bibern angefressene Bäume.

Es gibt auch Tiere, die vom Menschen profitieren. Sie sind sogenannte Kulturfolger. Dazu gehören die Mauersegler, die in den Dächern der hohen Häuser nisten. Sie verbringen fast ihr ganzes Leben in der Luft, wo sie auch schlafen. Nur zum Brüten brauchen sie festen Grund hoch im Fels oder an einem Haus. Im Hochsommer sorgen die Flugakrobaten mit ihren langen hohen Pfiffen für den typischen Klang des Sommers.

Irene Weinberger, dipl. Biologin

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